Neue Dimensionen: Kreuzfahrtschiff mit begrüntem Deck
Gründach-Golf auf hoher See
Vor wenigen Wochen ging das größte je in Deutschland gebaute Kreuzfahrtschiff, die "Celebrity Solstice", vom Stapel der Meyer-Werft in Papenburg. Über die Ems hat der Luxusliner Kurs auf die Nordsee genommen, wo sie erste Testfahrten unternahm, um über einen Zwischenstop an der niederländischen Küste den Hafen Port Everglades in Florida anzusteuern. Doch nicht nur die gigantischen Ausmaße des Luxusdampfers mit zeitgemäßem Platz- und Energieeinsparungskonzept setzt neue Maßstäbe, sondern auch die aufsehenerregende Freizeitausstattung in Form eines natürlichen und bespielbaren Golfrasens von 1.500 m² auf dem höchsten Deck ("The Lawn Club") in 36 Meter Höhe.
Nach Aussagen des Schiffeigners ist diese Dachbegrünung oder besser benannt als "Deck-Begrünung" die weltweit erste Begrünung eines Schiffes in dieser Art und Dimension. Celebrity Cruises vermarktet dieses grüne Idee als Attraktion für alle, die auch auf See echtes Gras unter den Füssen spüren möchten. Golf, Boccia, Krocket und Picknicks bringt noch mehr Abwechslung an Bord zwischen Florida und Bahama Islands.
Anforderungen an den "Dachbegrünungsaufbau"
Als die verantwortlichen Planer aus den USA vor etwa einem Jahr mit ihren Vorstellungen auf die Firma Green Roof Service mit ihren deutschen Inhabern Jörg Breuning und Peter Phillippi zu gingen, war noch völlig unklar, ob und wie die Wünsche des Bauherrn umzusetzen sind. Klar war nur, dass ein sicheres und dauerhaft funktionsfähiges nutzbares begrüntes Schiffsdeck erbaut werden soll. Die Urlaubsgäste sollen selbst auf dem Schiff natürliches "grün" sehen und spüren können. Geplant waren drei Felder mit Rasen, die teilweise mit Sitzbänken aus Holz umrandet sind und die alle genutzt werden können.
Jörg Breuning nahm sich der Sache an und konnte dabei auf die eigene langjährige Erfahrung als Dachbegrüner in Deutschland und auf die Unterstützung der Anwendungstechnik der Optigrün international AG zurückgreifen. "Eine fertige Systemlösung "von der Stange" gab es zu diesem Anwendungsfall bisher nicht", so Jörg Breuning, " und es ist nicht damit getan, einen gängigen Dachbegrünungsaufbau für bespielbaren Rasen zu nehmen und auf das Schiff zu setzen. Die Anforderungen sind bei einer "Deckbegrünung" zwar einer "Dachbegrünung" sehr ähnlich, jedoch kommen weitere, erschwerende Bedingungen dazu." Und diese Anforderungen sahen in diesem Spezialfall folgendermaßen aus:
- Vegetations- und Nutzungsziel: dauerhaft funktionsfähiger und trittstabiler Schichtaufbau mit bespielbaren Golf-Rasen (einschließlich eines Putting-Green-Bereichs)
- Möglichst leichter (Gesamt-Maximal-Gewicht unter 140 t) und niedriger Aufbau, um einerseits dem Schiff nicht noch mehr Ballast zu zumuten (Dieselverbrauch) und andererseits keine optische Beeinträchtigungen zu haben.
- Funktionsfähigkeit bei unterschiedlichen Klima- und Witterungsbedingungen, da die Rasenvegetation mehrere Klimazonen durchfahren wird: D.h. ausgewählte Grassorten, die diesen Anforderungen stand halten können.
- Wechselndes Dachgefälle je nach Wetterlage: bei ruhiger See etwa 2 %, bei starkem Wellengang jedoch bis zu 27 %. Somit Sicherstellung der Rutschsicherheit
- Unwetterbedingt können hohe und überschlagende Gischt direkt auf den Rasen in größerer Menge gelangen: Toleranz der Gräser gegenüber Salzwasser und gut funktionierende Dränage einschließlich einem ausreichend durchlässigen Substrat.
- Starke Winde mit Windbelastungen von bis zu 160 km/h: folglich muss der Schichtaufbau einschließlich Rasen absolut verwehsicher sein.
- Konzept zur möglichst einfachen Pflege und klimabezogenen Austausch des Rasens
- Bewässerungskonzept, das wirkungsvoll sein muss, aber den Spiel- und Freizeitbetrieb nicht stören darf
Neue Systemlösung Typ "Rasendeck"
In Anlehnung an bewährte Optigrün-Dachbegrünungssystemlösungen wurde die neue Systemlösung Typ "Rasendeck" entwickelt. Grundlage ist der klassische mehrschichtige Aufbau mit einer Vegetationstragschicht und einer separaten Dränage. Der Aufbau für den Golfrasen auf die Stahldecke des Deck 15 der "Celebrity Solstice" wurde wie folgt geplant und auf verschiedenen Testflächen wie MS Galaxy (Royal Caribbean Cruises), im Port of Miami und in Papenburg erprobt und verfeinert:
| Ø | Optigrün-Schutz- und Speichervlies Typ RMS Schütz die Deckoberfläche, verteilt und speichert Wasser |
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| Ø | Optigrün-Festkörperdränage Typ FKD 40 spec Speichert Wasser und führt Überschusswasser sicher ab. Vermeidung von Staunässe. |
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| Ø | Optigrün-Filtervlies Typ 105 Verhindert das Einschlämmen von Feinanteilen in die Dränageschicht. Hohe Wasserdurchlässigkeit und zugfest |
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| Ø | Optigrün-Rasensubstrat Typ "R extra leicht" Mit spezieller Körnung, extra leicht, hoher Wasserspeicher und dennoch gute Durchlässigkeit und ausreichendem Luftporenvolumen, für alle Klimazonen |
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| Ø | Geogitter | |
| Ø | Fertigrasen "Golfgreen" in Großrollen |
Auf eine zusätzliche Wurzelschutzbahn konnte verzichtet werden, da die Stahldecke an sich wurzelfest ist und zudem mit einer Spezialbeschichtung der Meyer-Werft ergänzt wurde
Die Grassorten wurden von Green Roof Service LLC, Optimax und der University of Florida ausgewählt und auf allen Testaufbauten verwendet. Eingebaut wurde für die großen Golfbereiche Agrostis stolonifera Sorte L93 und für die Bocciafelder Agrostis stolonifera und Festuca-Sorten im Verhältnis 20:80. Für den längeren Aufenthalt in tropischen Gebieten wird Bermudagras verwendet, dessen Einbau in Florida vorgenommen wird. Alle verwendeten Grassorten können höhere Salzkonzentrationen vertragen.
Mit entscheidend für eine erfolgreiche und pflegeleichtere Begrünung ist das passende Bewässerungskonzept. Green Roof Service setzt dabei eine vollautomatische unterirdische Bewässerung, die mit einer automatischen Sprinklerbewässerung ergänzt wurde. Die unterirdischen Bewässerungsstränge wurden auf dem Filtervlies verlegt und mit dem Rasensubstrat überdeckt. Die Sprinklerbewässerung sind als Versenkregner am Rand der Rasenfelder angeordnet. Mit dieser oberflächiger Bewässerung können hohe Salzbelastungen ausgewaschen bzw. der Aufbau kann bei extremer Hitze heruntergekühlt werden. Die unterirdische Bewässerung versorgt die Pflanzen gezielt und sparsam mit Wasser.
Einbau auf dem Schiffsdeck
Der Einbau der "Deckbegrünung" wurde vom Optigrün-Partnerbetrieb Borchers aus Surwold auf dem Werftgelände der Firma Meyer durchgeführt. Die Fa. Borchers verfügt als Fachbetrieb für Dachbegrünung über langjährige Erfahrung in diesem Bereich und wurde von Beginn des Projektes von Green Roof Service intergriert. Die Bauleitung hatten dabei Bernhard Mescher (Fa. Borchers) und Jörg Breuning. Das komplette Material konnte vor Baubeginn angeliefert werden und wurde durch Meyer-Werft vor Ort koordiniert. Zwei Schwerlastkräne auf Schienen standen dabei rund um die Uhr zur Verfügung. Die Bauzeit betrug 14 Tage mit drei Unterbrechungen. Es waren bei der Schiffsbegrünung durchschnittlich fünf Arbeitskräfte im Einsatz. Das letzte Stück Fertigrasen wurde Anfang Oktober verlegt. Aufgrund seiner erdelosen Anlieferung wurzelte der Rasen sehr schnell ein und war schon zwei Wochen später zur ersten Ausfahrt fest mit dem Untergrund verwurzelt.
Auf hoher See - erste Tests, Pflege und Wartung
Die ersten Fahrten auf hoher See zeigten, dass sich die Mühen der Planung und des Einbaus gelohnt hatten. "Ich war sehr zufrieden, dass wir keinerlei Beschädigungen auf den Rasenflächen hatten. Selbst die Tests für Maximal Geschwindigkeit von über 26 Knoten, "Vollbremsungen" und Schräglagen bis etwa 15° brachten den Rasen nicht aus dem Gleichgewicht", kommentierte Jörg Breuning, der die ersten Wochen mit auf dem Schiff war und die Pflege unter seiner Verantwortung nahm, voller Begeisterung die Praxis-Tests. "Bedingt durch das Wetter auf der Testfahrt waren die Salzkonzentrationen selbst auf dem 15. Stock sehr hoch! Doch mit der oberflächiger Bewässerung können die hohen Salzbelastungen ausgewaschen werden."
Ein eigens angestellter Greenkeeper führt alle Pflegearbeiten aus und wird von Green Roof Service LLC wöchentlich in Port Everglades, Florida mit Material und Geräten unterstützt. Im Putting-Green-Bereich ist geplant, die Schnitthöhe auf ca. 6-8 mm einzustellen. Die anderen Flächen werden auf 12-15 mm geschnitten. Die Spindelmäher kamen erfolgreich zum Einsatz. Ebenso war es erforderlich die Rasenkanten zu schneiden. Die gesamte Pflegeausstattung wurde von Experten ausgesucht und zusammengestellt. Einfache und bedarforientierte Bedienung stand im Vordergrund. Der Golfrasen benötigt beste Messer der Schneideeinrichtungen und muss je nach Witterung fast täglich geschnitten werden. Zudem verlangt der gewaschene Fertigrasen ein regelmäßiges "Topdressing". Das heißt er muss besandet werden, um die Festigkeit, Ebenheit und Bespielbarkeit zu bekommen und zu halten. Der Sand muss dabei eine genau definierte Korngröße haben und gleichmäßig ausgebracht werden.
Materialien, Dünger und Pflanzenschutzmaßnahmen müssen den Vorgaben der Reederei entsprechen. Eine Freigabe wird erst erteilt, wenn die Sicherheitsdatenblätter durch den Environmental Engineer an Bord des Schiffes geprüft wurden.
Neue Maßstäbe bei Energieeinsparungen
Das ganze Schiff setzt auch Maßstäbe in Bezug auf Umweltfreundlichkeit:
20% Stromeinsparung durch die Verwendung von LED-Technik, Halogen und Leuchtstoffröhren, kombinierter Diesel- Elektro-Antrieb des Schiffes, Verglasungen und Dächer mit Photovoltaik, Abwasserreinigungsanlagen mit Wiederverwendung, Ölaufbereitung mit Wiederverwendung und getrennte Abfallsammlung für Recycling.
Das Schiff besitzt eine 20 cbm großen Tank, um das Überschusswasser von Niederschlag oder Beregnung aus dem Begrünungsaufbau aufzufangen und einer weiteren Verwendung zu zuführen.
Von der Werft bis zum Meer
Der Luxusliner ist das größte je in Deutschland gebaute Schiff und wurde von Papenburg rückwärts die Ems hinunter zur Nordsee gezogen. Das war Zentimeterarbeit und von Tausenden Schaulustigen verfolgt. Die Ems musste eigens dafür tiefer ausgegraben und sogar Brücken versetzt werden. Nach etwa 40 Stunden war die Überführung abgeschlossen und es konnte auf Testfahrt gehen. Diese ging entlang der norwegischen Küste bei strahlender Sonne und extremen Niederschlägen mit Windgeschwindigkeiten von über 120 km/h und Wellen bis zu sieben Metern Höhe.
Zusammenfassung
"Geht nicht - gibt es nicht". Auch in diesem Fall als das größte in Deutschland gebaute Kreuzfahrtschiff, die "Celebrity Solstice", auf dem 36 Meter hohen und höchsten Deck Nr. 15 einen natürlichen Golfrasen von 1.500 m² Größe bekommen sollte. Schiffseigner, Architekt und der für Begrünung zuständige Generalunternehmer kommen aus den USA, die Werft liegt in Deutschland, ebenso aus Deutschland kommen das Begrünungssystem und der ausführende Garten- und Landschaftsbaubetrieb. In Anlehnung an Dachbegrünungs-Systemlösungen wurde ein spezieller Begrünungsschichtaufbau entwickelt und verwirklicht. Dabei mussten eine Vielzahl an außergewöhnlichen Randbedingungen beachtet werden. Dieses besondere Projekt zeigt wieder einmal, dass bei der Begrünung von "Gebäuden" keine oder nur wenig Grenzen gesetzt sind
Autor
Dr. Gunter Mann
Optigrün international AG
Am Birkenstock 19
D-72505 Krauchenwies-Göggingen
Tel. 07576-772-0 Fax 07576-772-299
E-Mail info@optigruen.de
www.optigruen.de
Die "Celebrity Solstice" in voller Größe - über 300 Meter lang, 16 Stockwerke
Der Luxusliner ist begrünt und wartet auf seine Gäste
Men at work - Ausbringung des Sondersubstrat Typ "R extra leicht"
Spiel und Spaß auf dem "Rasendeck"
Bautafel
Kreuzfahrtschiff "Celebrity Solstice"Bauherr
Celebrity Cruises, Miami/Florida, USA
Architekt
Wilson Butler Architects, Bosten/MA, USA
Schiffsbau
Meyer Werft, Papenburg, Deutschland
Technische Details
Schiffslänge: 315 m, Schiffsbreite: 36,8 m
Passagierkabinen: 1.426, Passagiere: 2.852
Besatzung: 1.270, Tiefgang: 8 m,
Begrünung Deck 15 ("The Lawn Club")
Größe
Ca. 1.500 m²
Generalunternehmer
(Entwicklung, Design, Bauleitung)
Green Roof Service LLC, Forest Hill/Maryland, USA
Nutzung
Rasen zur Freizeitnutzung: Golf, Boccia, Krocket, usw.
Abdichtung
Spezialbeschichtung der Meyer Werft
Begrünungsaufbau
Dachbegrünungssystem Optigrün international AG, Krauchenwies, Deutschland
Ausführung
Optigrün-Partnerbetrieb Borchers GmbH, Surwold, Deutschland
Beregnungsanlage
LG Rain GmbH, Wrestedt, Deutschland
